Kongresshalle
Berlin
Forum Stadtbild Berlin
Schloss
Brandenburger Tor
Stand: 20. Juli 2017

Berliner Schloss

Berliner Schloss

Virtuelle Rekonstruktion des Berliner Schlosses
Animation: Prof. Iwainsky / Berlin-Adlershof

"Vorwärts in die Vergangenheit"
Das Forum Stadtbild Berlin empfiehlt folgenden Aufsatz zur Lektüre. Er erläutert grundlegend die Debatte um das Thema Rekonstruktion und unterstützt fundiert unsere Argumente:
"Der Wiederaufbau verschwundener Gebäude gehört zu den umstrittensten Themen der Architekturgeschichte. Spe­ziell in Berlin wird die Auseinandersetzung darüber mit geradezu religiösem Eifer geführt. Aber auch die noch keineswegs abgeschlossene Debatte über den Wieder­aufbau des World Trade Centers in New York macht bewusst: Die Rekonstruktion zerstörter Bauwerke ist ein hoch aktuelles Thema, auch wenn es, wie im Fall von New York, nicht um ein Kunstwerk, sondern nur um einen «Symbolbau» geht.

Das Erstaunlichste daran ist der paradoxe Charakter dieser Debatte. Denn die Fronten der Auseinandersetzung scheinen vertauscht. So sind die entschiedensten Gegner des original­getreuen Wiederaufbaus historischer Bauten nicht etwa in den Reihen der Architekten zu finden, sondern ausgerechnet in den Reihen der Altertumshüter. Für die Denkmalpfleger sind ver­schwundene Gebäude keine «Denkmale». In ihrem Wiederauf­bau sehen sie sogar eine Bedrohung für die «echten» Zeugen der Geschichte. Wenn sich der Verlust eines Gebäudes jederzeit wiedergutmachen ließe, könnte auch alles bedenkenlos abge­rissen werden.

Nach landläufiger Meinung sind die engagiertesten Befürworter der Wiedererrichtung beseitigter Bauten «Ewiggestrige», No­stal­giker, verstockte Reaktionäre und realitätsferne Romantiker. Aber auch dies trifft Weise nicht zu. An der Spitze der Bürger­initiativen stehen oftmals fortschrittliche Geister und rationale Denker, die jeder Heimattümelei unverdächtig sind. So setzen sich der Medizin-Nobelpreisträger Günter Blobel und der Phy­siker und Philosoph Carl Friedrich von Weizsäcker für den Wie­deraufbau der Universitätskirche von Leipzig und des Rathauses von Halle ein, also für die Rekonstruktion von gotischen Bauwe­rken, deren Nachbildung schwierig und in Fachkreisen umstrit­ten ist. So kämpften Albert Schweitzer und William Faulkner für den Wiederaufbau des Goethehauses in Frankfurt/M., von dem der Krieg nur einen Schutthaufen übrig gelassen hatte. So be­kräftigten Manager, Wissenschaftler, Schriftsteller und Archi­tek­ten mit ihrer Unterschrift, dass sie den Wiederaufbau des Berliner Stadtschlosses wünschen.

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Als abwegig erweist sich auch die Behauptung, dass der Wiederaufbau verloren gegangener Bauwerke im Zeitalter der Computersimulation und der Gentechnik «unzeit­ge­mäß» sei. Denn noch nie sind mit solcher Leidenschaft, so breiter öffentlicher Unterstützung und so hohem finan­ziel­lem Einsatz historische Bauten erneuert, nachgebaut und vollendet worden wie heute. Die Spendenaktionen für den Weiterbau des Kölner Doms vor 120 Jahren bildete dazu, wie wir heute wissen, nur den Auftakt. Sie fanden ihre Nachahmung beim Wiederaufbau der Frankfurter Alten Oper nach dem Zweiten Weltkrieg und bei der archä­ologi­schen Rekonstruktion der Dresdner Frauen­kirche nach der Wiedervereinigung.

Wenn Kunstwissenschaftler heute behaupten, es sei «purer Populismus», Forderungen nach dem Wiederaufbau des Berliner Schlosses nachzugeben, so kann ein Blick in die Geschichte darüber belehren, dass dieser Vorwurf schon immer falsch war. Am frühesten und vehementesten haben sich herausragende Geister dafür eingesetzt, Gebäude nach jahrhundertealten Originalplänen wieder auf- oder zu Ende zu bauen. So war es Goethe, der als einer der ersten seine ganze Autorität in die Waagschale warf, um zu erreichen, dass der nur als Fragment fertig gestellte Kölner Dom nach Originalplänen weitergebaut wird.

Als sich im 20. Jahrhundert die ideologische Kriegführung der Bau­denkmale bemächtigte und «Kulturrevolutionen» und regelrechte Denkmalgenozide entfesselte - man denke nur an Ulbrichts Schlosssprengung, an die gezielte Bombar­dierung von Kirchen und Moscheen in Jugoslawien oder erst jüngst an die Zerstörung der Buddhastatuen in Afgha­nistan - , da wurde der Kampf um die Erhaltung und Rekonstruktion von Baudenk­malen zu einer Frage kultureller Wertsetzung und Selbstbehaup­tung.
Mit Menschenketten stemmten sich Einwohner von Erfurt und Görlitz gegen den Abriss von Altstadtquartieren und gaben damit ein Aufbruchsignal für die Revolution von 1989 in der DDR. In Polen kopierten Restauratoren ganze Städtebilder deutschgeprägter Großstädte, um die Zugehörigkeit ihres Landes zum westlichen Kulturkreis geschichtlich abzusichern und zu untermauern.
"Das Anliegen der Aneignung und Wiederholung des Ein­zig­artigen, Charakteristischen ist ein so vehementes, ele­me­ntares, dass sich die Rekonstruktion und die Kopie seit 100 Jahren trotz heftiger Gegenwehr der Kunstwissen­schaftler neben den Bau­formen der Moderne zu behaupten vermögen. Gegen die modis­che Strömung des «Dekon­struk­tivismus» positioniert sich der «Rekonstruktivismus» als Gegenströmung und Kampf­ansage. Dabei spielt es keine Rolle, dass bei der Nachahmung des Ech­ten natur nur Falsifikate entstehen. Denn den Streitern für die Wie­dererweckung versunkener Kulturzeugnisse geht es nicht darum, nur Erscheinungsbilder nachzuschaffen, sondern einen Zipfel jenes «Ungeheuren» zu erhaschen, von dem schon Goethe gesprochen hatte. Noch ehe das Wort «Glo­ba­lisierung» erfunden war, hatte das moderne Projekt der Rekonstruktion seine überwältigende Suggestion schon weltweit entfaltet.

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